PA: Patient:innenversorgung in Tirol unter Druck

25.03.2026

Kassenärzt:innen fordern Reformen seitens der Sozialversicherung

Die Sicherstellung einer wohnortnahen und qualitativ hochwertigen kassenärztlichen Patient:innenversorgung in Tirol steht vor zunehmenden Herausforderungen. Kassenärzt:innen sehen sich tagtäglich mit dem Mangel an Kassenstellen bzw. deren Besetzung, einem stetig steigenden Patient:innenaufkommen, strengen Limitierungen im Honorierungssystem und einer wachsenden Bürokratie (z.B. Diagnosecodierung, Arzneimittelbewilligungen, fehlenden Ansprechpartner:innen bei der Sozialversicherung etc.) konfrontiert.

Die sich bereits seit Jahren abzeichnende Verschärfung der Situation im kassenärztlichen Bereich ist mittlerweile in immer mehr Fachrichtungen spürbar und belegt, dass es für die Attraktivierung des Kassensystems die Reformen seitens der Sozialversicherung benötigt. Deutlich zeigt sich dies bei den aktuell 29 unbesetzten ÖGK-Stellen (12 Allgemeinmediziner:innen, 17 Fachärzt:innen) in Tirol. 

Gravierende Beispiele hierfür sind etwa eine seit nunmehr schon fünf Jahren unbesetzte Kassenstelle für Psychiatrie in Kitzbühel sowie die ab 01.04.2026 unbesetzte Kassenstelle für Augenheilkunde in Landeck, die bereits breite mediale Aufmerksamkeit erfahren hat. Dr. Peter Lidinsky, Kassenarzt für Allgemeinmedizin in St. Johann in Tirol, schildert die Situation vor Ort: „In St. Johann gibt es drei Stellen für Allgemeinmedizin, von denen eine jedoch unbesetzt ist. Zudem sind im Bezirk Kitzbühel beide Stellen für Kinder- und Jugendheilkunde unbesetzt, was zu einem zusätzlichen Problem in der Basisversorgung führt.“

Adäquate, faire Abgeltung gefordert

Wesentlicher Stellhebel für künftige Reformen ist das Abrechnungssystem. So ermöglicht das bestehende Abrechnungssystem eine adäquate Honorierung der Kassenärzt:innen nur durch eine schnelle Behandlung von vielen Patient:innen, was der vielfach geforderten Ausdehnung der Gesprächsmedizin entgegensteht. 

Ein anschauliches Beispiel ist die „ausführliche therapeutische Aussprache (ärztliches Gespräch)“: Diese wird für Allgemeinmediziner:innen in höchstens 17 Prozent der Behandlungsfälle honoriert, unabhängig davon wie hoch der Bedarf seitens der zu betreuenden Patient:innen ist.

Weiters unterliegen Vertragsärzt:innen der ÖGK in puncto Leistungsabrechnung in vielen Bereichen strengen Limitierungen, welche im Widerspruch zu einer adäquaten Abgeltung der tatsächlich behandelten Patient:innen stehen. So werden ab Überschreitung einer bestimmten Anzahl von Leistungen die Tarife halbiert, wodurch die notwendige Mehrarbeit sanktioniert wird. Dies betrifft in Tirol rund 24 Prozent der Kassen-Allgemeinmediziner:innen und 16 Prozent der Kassen-Fachärzt:innen. 

Tirols Ärztekammer-Präsident Dr. Stefan Kastner erklärt: „Die Kassenärzt:innen sind zunehmend nicht länger bereit, weitere Patient:innen zu versorgen, wenn diese nur noch zu 50 Prozent von der ÖGK honoriert werden bzw. die Leistungen aufgrund von Limitierungen gestrichen werden. Weiters gilt es zu berücksichtigen, dass die Mehrarbeit in den Ordinationen insbesondere zu höheren Personalkosten führt und die notwendige Ausdehnung der Öffnungszeiten die ohnehin schon schwierige Suche nach Ordinationspersonal weiter verschärft.“

PVE kein Allheilmittel – Kassensystem muss zukunftsfit werden

Wenn es nach der Politik und der Sozialversicherung geht, soll der Ausbau der Primärversorgungseinheiten (PVE) Engpässe in der Versorgungslandschaft abdecken. Hierbei gilt es allerdings zu bedenken, dass die PVE zwar ein wichtiges Instrument in der Patient:innenversorgung darstellen, jedoch kein Allheilmittel gegen die aktuellen Versorgungsprobleme sind. Es bedarf demnach der Bereitschaft der Sozialversicherungsträger, konkrete Maßnahmen zu setzen, um das Kassensystem zukunftsfit zu machen. Nicht nur, um die bestehenden Engpässe abzufedern, sondern auch, um die Umsetzung der vonseiten der Politik angekündigten Verlagerung der Patient:innenversorgung – im Sinne der Entlastung der Krankenhausambulanzen – in den niedergelassenen Bereich zu gewährleisten.

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